Bruder Baum

Bruder Baum

Er war einstmals ein starker, mächtiger, doch sanfter Riese.

200 Sommer haben seine Blätter kühlenden Schatten gespendet,

200 Herbste hat er sein Laub abgeworfen und den Stürmen getrotzt,

200 Winter hat er sich unter der Last von Eis und Schnee gebeugt,

200 Frühlinge haben die scheinbar toten Äste wieder zartes Grün hervorgebracht.

*

Er war einstmals Heimat für viele Tiere,

Die Welt für tausende von Insekten ,

Wohnung für Fledermäuse und Eichkätzchen

Unzählige Vögel haben im Schutz seiner Krone

Gebrütet und ihre Jungen groß gezogen.

*

Er war einstmals ein Bollwerk gegen Naturgewalten.

Schutz vor Regen, Lärm und Sturm,

Hielt für uns das Wasser auf,

Filterte Staub und Schmutz aus der Luft 

Und schenkte uns Sauerstoff zum Leben.

*

Wie oft bin ich in seinem kühlen Schatten gesessen 

Und habe dem Flüstern seines Laubes gelauscht?

Das Spiel des Sonnenlichtes in seinem Laub bestaunt.

Die raue Rinde seines Stammes liebkost,

Seinen Duft tief in mir aufgenommen.

*

Verheerende Kriege hat er überlebt.

Ein Mensch mit Motorsäge war sein Ende.

Der Baum war reif für die Ernte,

vielleicht ist er auch nur am falschen Platz gestanden,

Oder es hätten abbrechende Äste Spaziergänger verletzen können .

*

Mit einem leisen Seufzer hat sich sein Stamm von den Wurzeln gelöst.

Das Kreischen der Motorsäge hat das Zischen der Äste,

Die verzweifelt Halt in der Luft suchten, übertönt.

Mit einem dumpfen Schrei ist der schwere Stamm am Boden aufgeschlagen.

Gebrochen, zerstückelt, vernichtet.

*

In 10 Minuten 200 Jahre Leben achtlos zerstört,

In 10 Minuten ungezählten Tieren die Heimat genommen,

In 10 Minuten uns Menschen Luft zum Atmen geraubt.

Ich möchte glauben, dass sein Tod nicht sinnlos war,

Dass ihm ein zweites Leben gegeben war

Als Holzhaus oder als Esszimmertisch, vielleicht.

4 Kommentare

  1. Ist das ein konkreter baum ueber den du schreibst? Doch nicht der in der villa? Wenn er nicht hoffnungslos krank war, aber so klingt es nicht, …ein sinnloses vernichten. Sehr traurige zeilen.

    1. Ich will doch hoffen, dass der Baum in der Villa sich noch des Lebens erfreut. Nein, das Bild zeigt sehr schön die Größenverhältnisse Baum und Mensch. Und doch kann der Winzling Mensch ganze Urwälder roden….

  2. Magdalena Kesselgruber sagt:

    wer hat die Zeilen geschrieben – du Charlotte?
    falls ja – dann solltest du deine Kreativität einem breiteren Publikum zugänglich machen !

    wie immer – super Foto – ich liebe große Bäume – auch wenn sie „nur“ auf eine Sandinsel stehen ….😬😏😊

    1. Ja klar, Bilder und Texte des Blogs stammen von mir. Freut mich, das es dir gefällt. Die Homepage ist ja eh´schon der 1. Schritt in die Öffentlichkeit.

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